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Russland und die Krim

Warum Russland die Krim als russisches Terrain betrachtet

Die Krim – ein russischer Mythos

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1993 wäre es zwischen den ehemaligen Waffenbrüdern schon einmal fast zum Krieg gekommen, denn die Regierung in Kiev reklamierte die Schwarzmeerflotte und ihren Stützpunkt Sevastopol für die Ukraine, was Moskau nicht zulassen wollte. Die UNO musste schon damals vermitteln. 1999 war ein Kompromiss gefunden worden. Das Kommando der Schwarzmeerflotte war zwischen Russland und der Ukraine aufgeteilt, der größte Teil des Flottenstützpunktes einschließlich seiner militärischen Infrastruktur für zwanzig Jahre an Russland verpachtet worden. Als ich dort reiste, waren Spannungen zu spüren, doch niemand glaubte wirklich daran, dass die Russen ernst machen würden. (Am 27. Februar 2014 taten sie es).

Die Krim ist ein russischer Mythos, den Katharina die Große begründet hat. Nachdem Fürst Potemkin für sie Südrussland erobert und die Krimtartaren besiegt hatte, annektierte die Zarin die Halbinsel 1783 und befahl den Bau der späteren Schwarzmeerflotte auf den Werften von Cherson. Katharinas Vision war die Vertreibung des Islam aus dem Schwarzmeerraum. Sie wollte die Türken besiegen und das Schwarze Meer unter russische Kontrolle   bringen. Ihr Modell war die griechische Kolonisation, die sie durch eine christlich-orthodoxe ersetzen wollte. Das deuten schon die antikisierten Namen an, die sie für neu gegründete oder den Tataren abgenommene Städte wählte: Odessa, Cherson, Feodosija, Simferopol.

Bakhchisaray – The city in 1856, by Carlo Bossoli.

1787 konnte Katharina zum Abschluss ihrer berühmten „Taurischen Reise“ den Dnjepr hinab (vorbei an den „Potemkinschen Dörfern“, die nur aus Fassaden bestanden) in der Bucht von Sevastopol die Parade von 25 voll ausgerüsteten Kriegsschiffen abnehmen. Die Inszenierung der Flottenparade hatte den Zweck, Katharinas Gästen – insbesondere dem österreichischen Herrscher, Kaiser Joseph II., der die Reise inkognito als ein Graf von Falkenstein mitgemacht hatte, aber auch den Botschaftern von England und Frankreich – Russland als zukünftige Seemacht zu präsentieren. Höhepunkt der Krimreise sollte der Aufenthalt im Bachcisaraj werden, dem Gartenpalast der besiegten Tataren-Chane, den Potemkin für Katharina mit viel Aufwand restaurieren ließ, nachdem seine Truppen ihn zuvor zerstört hatten. Er liegt  in einem lieblichen Hochtal, umgeben von Obstbäumen und Weinreben; ein  Szenario aus „1001 Nacht“: Vorkragende Holzdächer, über die kleine Minarett-Schornsteine ragen, Lehmwände mit ornamentalen Reliefs, hölzerne Galerien über marmornen Säulengängen, kunstvoll geschnitzte Fenstergitter. Die kaiserlichen Herrschaften, also Katharina und Joseph II., übernachteten in den Räumen des Chan. Katharina bedankte sich bei dem Gastgeber, ihrem ehemaligen Geliebten Potemkin, mit einem Gedicht:

Ich lag des Abends in der Laube des Chans /
Inmitten der Muslime und des muselmanischen Glaubens/
Gegenüber dieser Laube steht eine Moschee/
Dorthin ruft der Imam das Volk fünfmal täglich zusammen./
Ich hatte vor zu schlafen und gerade schlossen sich die Augen, /
als er mit verstopften Ohren aus Leibeskräften losschrie…/
Oh Wunder Gottes! Wer von meinen Vorfahren/
Schlief ruhig im Gedanken an die Horden und ihre Chane?/
Und mich stört am Schlaf mitten im Bachcisaraj /
nur Tabakrauch und Geschrei… Ist hier nicht das Paradies? [1]

Es ist ein politisches Gedicht. Katharina bringt ihren Triumph auf den Punkt. Die Goldene Horde, die das Russische Reich seit dem 13. Jahrhundert nicht zur Ruhe kommen ließ, war zu einem zahmen Siedlervölkchen degeneriert, das sich den neuen Herren widerstandslos unterwarf. Dass die Zarin im Palast des Chans übernachtete, bedeutete eine unerhörte Demütigung für die Besiegten. Katharina war so klug, die großmütige Herrscherin herauszukehren, sie stiftete zwei Moscheen und erlaubte den Tataren, ihre Religion weiter auszuüben und ihre Kinder in der eigenen Sprache zu erziehen. Das war übrigens bis 2014 wieder so. Die ukrainische Verfassung hat die Religionsfreiheit hergestellt, die das Sowjetregime abgeschafft hatte.

Gehört die Krim zu Russland?

Völkerrechtlich nein. Die Annexion 2014 war ein Vertragsbruch. Gefühlt ja. Schuld daran sind die Dichter, sie haben die Krim für die Literatur vereinnahmt, die angeblich der direkteste Weg zu den Herzen der Russen ist. 

Eine Büste von Puschkin neben dem Tränenbrunnen im Bachcisaraj-Palast.

Puschkins Gedicht über den Tränenbrunnen soll Stalin veranlasst haben, den Gartenpalast zu verschonen, als er nach Kriegsende die Siedlungen der tatarischen Kollaborateure zerstören ließ. Sein Name rührt von der wie ein Auge geformten Öffnung her, aus der einzelne Wassertropfen fallen, die eine Schale füllen, aus der das Wasser in eine tiefere Schale tropft, aus der es im gleichen Rhythmus weiter tropft …Chan Girai hat ihn 1764 errichten lassen. Eine Legende gehört natürlich dazu: Die Favoritin seines Harems ist gestorben, und weil der Chan nicht weinen darf, oder nicht weinen kann, muss der Brunnen das für ihn in alle Ewigkeit tun. Puschkins Gedicht ist eines der populärsten in der russischen Literatur:

„Zwei Rosen hab ich dir gebracht,
Du wunderbarste der Fontänen,
Von Liebe flüsternd Tag und Nacht,
Versiegst du nie gleich Dichtertränen“.

Katharinas Kolonialpolitik war nur scheinbar mild. Die russischen Kolonialisten setzten auf Zeit. Die religiöse und intellektuelle Führungsschicht der Tataren wanderte nach und nach ins Osmanische Reich aus. Die Weingärten und Obstplantagen wechselten die Besitzer. Die Krim wurde zur russischen Riviera und für die Dichter zum Land der Sehnsucht. Den Bachcisaraj schützte sein Ruhm auch vor den Deutschen. Die Tataren hielt Hitler für Nachfahren der Goten, die sich hier zeitweise niedergelassen hatten, also für rassisch verwandte Völker. Gefangene Krimtataren wurden nicht liquidiert, sondern zu militärischen Hilfsverbänden zusammengefasst, die auf deutscher Seite kämpften. Dafür mussten sie teuer bezahlen. Unmittelbar nach dem Rückzug der Deutschen im Mai 1944 ließ Stalin 180.000 von ihnen deportieren, die Mehrheit nach Usbekistan. Ihre Häuser und Moscheen wurden bis auf den Gartenpalast dem Erdboden gleich gemacht. Hätte Puschkin den Tränenbrunnen nicht russifiziert, stünde dort kein Stein mehr auf dem anderen.


[1] Jobst, Kerstin S., Die Perle des Imperiums, Konstanz 2007, S. 114