Warum Russland die Krim als russisches Terrain betrachtet

Auszüge aus „Borysthenes – Landschaft und Trauma“

Die Krim war russisch, seit Katharina II.  sie 1783 annektierte. Damit rundete sie die Eroberung von Südrussland ab, das auch die spätere Ukraine umfasste. 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, schenkte das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR die Krim der Ukraine als Zeichen der „brüderlichen Liebe des russischen Volkes“. Das war eine der ersten Amtshandlungen Chruschtschows, nachdem er sich im Politbüro als Nachfolger Stalins etabliert hatte. Er war der Ukraine persönlich verbunden. Der Herkunft nach war er Russe, aber aufgewachsen ist er im Donezk, wo er als Maschinist in demselben Bergwerk gearbeitet hat wie sein Vater. Nach Kriegsende wurde er Regierungschef in der Ukraine und trug die politische Verantwortung für den Wiederaufbau. Als er 1949 nach Moskau ging, blieb er der Ukraine etwas schuldig – die Abrundung ihres Gebietes durch die Halbinsel Krim, die er unmittelbar nach Kriegsende versprochen hatte, womit er bei Stalin aber auf taube Ohren gestoßen war. Das hat er 1954 dann nachgeholt.

1993, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wäre es zwischen den ehemaligen Waffenbrüdern schon einmal fast zum Krieg gekommen, denn die Regierung in Kiev reklamierte die Schwarzmeerflotte und ihren Stützpunkt Sevastopol für die Ukraine, was Moskau nicht zulassen wollte. Die UNO musste schon damals vermitteln. Erst 1999 ist ein Kompromiss gefunden worden. Das Kommando der Schwarzmeerflotte wurde zwischen Russland und der Ukraine aufgeteilt. Für zwanzig Jahre ist der größte Teil des Flottenstützpunktes einschließlich seiner militärischen Infrastruktur an Russland verpachtet worden. 2019 müssten die Russen sich eigentlich zurückziehen. Aber werden sie es tun?

Die Krim – ein russischer Mythos

Die Krim ist ein russischer Mythos, den Katharina die Große begründet hat. Nachdem Fürst Potemkin für sie Südrussland erobert und die Krimtartaren besiegt hatte, annektierte die Zarin die Halbinsel 1783 und befahl den Bau der späteren Schwarzmeerflotte auf den Werften von Cherson. Katharinas Vision war die Vertreibung des Islam aus dem Schwarzmeerraum. Sie wollte die Türken besiegen und das Schwarze Meer unter russische Kontrolle   bringen. Ihr Modell war die griechische Kolonisation, die sie durch eine christlich-orthodoxe ersetzen wollte. Das deuten schon die antikisierten Namen an, die sie für neu gegründete oder den Tataren abgenommene Städte wählte: Odessa, Cherson, Feodosija, Simferopol.

1787 konnte Katharina zum Abschluss ihrer berühmten „Taurischen Reise“ den Dnjepr hinab (vorbei an den „Potemkinschen Dörfern“, die nur aus Fassaden bestanden) in der Bucht von Sevastopol die Parade von 25 voll ausgerüsteten Kriegsschiffen abnehmen. Die Inszenierung der Flottenparade hatte den Zweck, Katharinas Gästen – insbesondere dem österreichischen Herrscher, Kaiser Joseph II., der die Reise inkognito als ein Graf von Falkenstein mitgemacht hatte, aber auch den Botschaftern von England und Frankreich – Russland als zukünftige Seemacht zu präsentieren. Höhepunkt der Krimreise sollte der Aufenthalt im Bachcisaraj werden, dem Gartenpalast der besiegten Tataren-Chane, den Potemkin für Katharina mit viel Aufwand restaurieren ließ, nachdem seine Truppen ihn zuvor zerstört hatten. Er liegt  in einem lieblichen Hochtal, umgeben von Obstbäumen und Weinreben; ein  Szenario aus „1001 Nacht“: Vorkragende Holzdächer, über die kleine Minarett-Schornsteine ragen, Lehmwände mit ornamentalen Reliefs, hölzerne Galerien über marmornen Säulengängen, kunstvoll geschnitzte Fenstergitter. Die kaiserlichen Herrschaften, also Katharina und Joseph II., übernachteten in den Räumen des Chan. Katharina bedankte sich bei dem Gastgeber, ihrem ehemaligen Geliebten Potemkin, mit einem Gedicht:

Ich lag des Abends in der Laube des Chans /
Inmitten der Muslime und des muselmanischen Glaubens/
Gegenüber dieser Laube steht eine Moschee/
Dorthin ruft der Imam das Volk fünfmal täglich zusammen./
Ich hatte vor zu schlafen und gerade schlossen sich die Augen, /
als er mit verstopften Ohren aus Leibeskräften losschrie…/
Oh Wunder Gottes! Wer von meinen Vorfahren/
Schlief ruhig im Gedanken an die Horden und ihre Chane?/
Und mich stört am Schlaf mitten im Bachcisaraj /
nur Tabakrauch und Geschrei… Ist hier nicht das Paradies? [1]

Es ist ein politisches Gedicht. Katharina bringt ihren Triumph auf den Punkt. Die Goldene Horde, die das Russische Reich seit dem 13. Jahrhundert nicht zur Ruhe kommen ließ, war zu einem zahmen Siedlervölkchen degeneriert, das sich den neuen Herren widerstandslos unterwarf. Dass die Zarin im Palast des Chans übernachtete, bedeutete eine unerhörte Demütigung für die Besiegten. Katharina war so klug, die großmütige Herrscherin herauszukehren, sie stiftete zwei Moscheen und erlaubte den Tataren, ihre Religion weiter auszuüben und ihre Kinder in der eigenen Sprache zu erziehen. Das ist übrigens heute wieder so. Die ukrainische Verfassung hat die Religionsfreiheit wieder hergestellt, die das Sowjetregime abgeschafft hatte.

Gehört die Krim zu Russland?

Die Frage, ob die Krim zu Russland gehöre, würden die meisten Russen mit Ja beantworten. Schuld daran sind die Dichter, sie haben die Krim für die Literatur vereinnahmt, die der direkteste Weg zu den Herzen der Russen ist.    Puschkins Gedicht über den Tränenbrunnen soll Stalin veranlasst haben, den Gartenpalast zu verschonen, als er nach Kriegsende die Siedlungen der tatarischen Kollaborateure zerstören ließ. Sein Name rührt von der wie ein Auge geformten Öffnung her, aus der einzelne Wassertropfen fallen, die eine Schale füllen, aus der das Wasser in eine tiefere Schale tropft, aus der es im gleichen Rhythmus weiter tropft …Chan Girai hat ihn 1764 errichten lassen. Eine Legende gehört natürlich dazu: Die Favoritin seines Harems ist gestorben, und weil der Chan nicht weinen darf, oder nicht weinen kann, muss der Brunnen das für ihn in alle Ewigkeit tun. Puschkins Gedicht ist eines der populärsten in der russischen Literatur:

„Zwei Rosen hab ich dir gebracht,
Du wunderbarste der Fontänen,
Von Liebe flüsternd Tag und Nacht,
Versiegst du nie gleich Dichtertränen“.

Katharinas Kolonialpolitik war nur scheinbar mild. Die russischen Kolonialisten setzten auf Zeit. Die religiöse und intellektuelle Führungsschicht der Tataren wanderte nach und nach ins Osmanische Reich aus. Die Weingärten und Obstplantagen wechselten die Besitzer. Die Krim wurde zur russischen Riviera und für die Dichter zum Land der Sehnsucht. Den Bachcisaraj schützte sein Ruhm auch vor den Deutschen. Die Tataren hielt Hitler für Nachfahren der Goten, die sich hier zeitweise niedergelassen hatten, also für rassisch verwandte Völker. Gefangene Krimtataren wurden nicht liquidiert, sondern zu militärischen Hilfsverbänden zusammengefasst, die auf deutscher Seite kämpften. Dafür mussten sie teuer bezahlen. Unmittelbar nach dem Rückzug der Deutschen im Mai 1944 ließ Stalin 180.000 von ihnen deportieren, die Mehrheit nach Usbekistan. Ihre Häuser und Moscheen wurden bis auf den Gartenpalast dem Erdboden gleich gemacht. Hätte Puschkin den Tränenbrunnen nicht russifiziert, stünde dort kein Stein mehr auf dem anderen.

Die kriegerischen Vegangenheit der Krim

Die kriegerische Vergangenheit ist in Sevastopol in Hunderten von Denkmälern gegenwärtig. Der Krimkrieg 1854/55 ist zur Legende geworden. Gegen Russland hatte die Türkei sich mit England und Frankreich verbündet. Es war der bisher größte Flottenaufmarsch der Geschichte, aber es kam zu keiner Seeschlacht. Die Kriegsschiffe der Alliierten versuchten, die Festung unter Feuer zu nehmen, doch die Geschosse prallten von den Felsen ab, während die Geschütze der Fortifikationen ihre schwimmenden Ziele recht gut trafen. Schließlich brachten die Alliierten Truppen und Artillerie an Land. Die Belagerung der Stadt dauerte 349 Tage. Obwohl die Krim noch keine hundert Jahre lang zu Russland gehörte, verteidigte das Volk von Sevastopol sich ohne Rücksicht auf Verluste. Die Frauen leisteten ihren Anteil, indem sie die Soldaten versorgten und die Verwundeten pflegten. Die Kinder machten Botengänge und überbrachten Nachrichten. Nachbarn kämpften und starben Seite an Seite. Der Mythos von der Krim als Wiege des Heiligen Russland, der Katharinas Propagandawaffe war, ersetzte die fehlenden regionalen Wurzeln. Nicht adlige Großgrundbesitzer verteidigten hier ihre koloniale Beute, sondern die Bevölkerung einer Stadt schloss sich über alle Standesunterschiede hinweg zusammen. Die Opferbereitschaft aller brachte lange vor der Revolution den Heldenkult des einfachen Soldaten hervor. Leo Tolstoj war unter den Verteidigern Sevastopols. Die drei Novellen ‚Sevastopol im Dezember’, ‚Sevastopol im Mai’, ‚Sevastopol im August’ waren sein literarischer Durchbruch.

Junge Matrosen der Schwarzmeerflotte, fast noch Kinder, paradieren im Stechschritt auf dem Nachimov-Platz vor einer grauen Granitwand, auf der die Jahreszahlen 1941– 1942 in Hohlform eingemeißelt sind. Darunter Marmortafeln mit den Namen der Gefallenen. Ein Opfer-, kein Siegerdenkmal.  Die Belagerung Sevastopols im Jahr 1942 durch die Deutschen führte zur völligen Zerstörung der Stadt. Man sieht es ihr heute nicht mehr an. Stalin hatte sich der „Heldenstadt“ gegenüber großzügig erwiesen und einen Wiederaufbau in Schönheit ermöglicht. Gebäude aus weißem Kalkstein, Klassizismus ohne Schnörkel, breite Alleen, viel Grün, Blumenbeete entlang der Bürgersteige verbreiten Weltstadtflair zumindest im Zentrum.

Der Flottenstützpunkt Sevastopol gehört den Russen heute offiziell, der Rest der Insel, heißt es, gehöre ihnen faktisch. 95 Prozent der Krimbewohner beherrschen angeblich das Ukrainische nicht. Ein Census könnte sich unter diesen Umständen als fatal erweisen.


[1] Jobst, Kerstin S., Die Perle des Imperiums, Konstanz 2007, S. 114

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