Das Buch

Eine Schiffsreise, die mitten durch ein zerrissenes Land führt…  Melanie ist mit einem Forschungsauftrag unterwegs, doch gelingt es ihr nicht, die wissenschaftliche Untersuchung von ihren eigenen Emotionen frei zu halten. Sie erlebt diese Reise doppelt. Zum einen lernt sie die Ukraine als einen unbekannten Teil Europas mit einer spannungsreichen Geschichte kennen, zum anderen weckt der Schauplatz des „Unternehmens Barbarossa“ 1941 unbehagliche Erinnerungen an ihre eigene Familiengeschichte.

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Borysthenes – Landschaft und Trauma: Die ukrainische Wunde. Taschenbuch EUR 10,60

Die Landschaft ist überwältigend: Ein Fluss wie ein Binnenmeer, mit fernen Ufern unter einem unendlichen Horizont. Der Dnjepr teilt nicht nur die Ukraine, er bildet gleichzeitig auch die Grenze zwischen westlicher und östlicher Zivilisation. Das Westufer gehörte Jahrhunderte lang dem katholischen Polen, während der Osten nach Vertreibung der Mongolen orthodox und russisch wurde. Der Sowjetstaat zerstörte in den 20er Jahren die dörfliche Siedlungskultur und vereinigte West- und Ostukraine auf der Basis forcierter Industrialisierung. Die vorrevolutionäre Geschichte des Landes verschwand aus den Schulbüchern. Die Kreuzfahrt-Agenda holt sie nun, Station um Station, in die Gegenwart zurück…

Hat sich nicht Katharina die Große im Frühjahr 1787 von Kiev aus mit ihrer Flotille für die „Taurische Reise“ den Dnjepr entlang eingeschifft, an dessen Ufern die elenden Dörfer auf Betreiben Potemkins hinter prächtigen Fassaden versteckt worden waren? Hat die Zarin nicht in Sevastopol die Schwarzmeerflotte eingeweiht, ist sie nicht im Gartenpalast der Tataren-Chane von Bachcisaraj abgestiegen – und rührt nicht daher der Anspruch der Kolonialmacht Russland auf die Halbinsel Krim? Erinnert das Museum von Saporoshje, unweit des gewaltigen Kraftwerks, nicht an den wilden Haufen entlaufener Sklaven und Deserteure, die sich „freie Männer“ (Kosaken) nannten und von ihrem Inselbollwerk, der Seč, aus die Tataren bekämpften? Melanie lernt viel über die Geschichte dieses Grenzlandes, das die Wiege des orthodoxen Christentums war, ehe die Goldene Horde 1240 jedes Leben am Dnjepr ausgelöscht hat.  Das gespaltene Selbstverständnis einer Nation, die unter der russischen Herrschaft ihre kulturelle Identität eingebüsst hat, ist nicht zu übersehen.

Ein Thema scheint allerdings tabu zu sein: der deutsche Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941. Die Wehrmacht hat nicht nur Schlachten geschlagen. Sie hat dem Holocaust den Weg bereitet, der hier lange vor Auschwitz begann. Melanie misstraut ihren Mitreisenden. Die Dnjepr-Kreuzfahrten sind schon Jahrzehnte vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion hauptsächlich von deutschen Touristen gebucht worden – von einem ganz bestimmten Personenkreis: ehemaligen Kriegsteilnehmern, deren Zahl von Jahr zu Jahr schrumpft. Jedenfalls macht Melanie nur ein winziges Häuflein von Veteranen unter den Passagieren aus. Die Mehrzahl gehört der Nachkriegsgeneration an, aus der sich die 68er-Bewegung rekrutiert hat. Sind sie wirklich nur unterwegs, weil sie Landeskunde gern von Bord eines Schiffes aus betreiben? Melanie zweifelt daran. Sie vermutet, dass jeder der Reisenden ein mehr oder weniger verborgenes Motiv hat, das in der Familiengeschichte wurzelt…. Ihr Auftrag lautet, herauszufinden, wie die Erzählung des Holocaust in den Familien sich von Generation zu Generation verändert. Wird ein völkermordendes Blutbad auf diese Weise zum Mythos, der in die Geschichte der Zivilisation integriert wird, als sei er nicht ihre Verleugnung, sondern ein Teil von ihr?

In diesem Roman ist nur die Handlung erfunden. (Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig). Alle historischen Passagen entsprechen dem Stand der Forschung zur Zeit der Abfassung des Manuskripts.

Sybil Wagener